Digitalisierung: Neue Software für neue Prozesse

„Der Energiemarkt wandelt sich in rasantem Tempo. Auf künftige Anforderungen, wie die Abbildung neuer Geschäftsmodelle, sind viele Energieversorger mit ihren historisch gewachsenen, wenig flexiblen und ungenügend integrierten IT-Landschaften jedoch noch nicht vorbereitet. Eine neue End-to-End-Lösung auf Basis von Microsoft Dynamics soll helfen, den Wandel zu bewältigen.“


Die Energieversorgung in Deutschland steht vor umfangreichen Veränderungen. Auslöser dafür sind drei Treiber:

  • Kosten- und Effizienzdruck durch zunehmenden Wettbewerb
  • Struktur- und Prozesswandel durch die Energiewende
  • sich verstärkender Innovations- und Rationalisierungsdruck durch die Digitalisierung.

Von diesen drei Katalysatoren, die vielfältig miteinander korrespondieren, entfaltet vor allem die Digitalisierung stark wirkende disruptive Kräfte, wie ein Blick in andere Branchen – zum Beispiel Handel, Hotel- und Taxigewerbe – zeigt.

Energieversorgern fällt es oft noch
schwer, den neuen Trends zu folgen. Bislang
wird Digitalisierung in diesem Bereich
vor allem als Bereitstellung eines
unterstützenden IT-Werkzeugs verstanden,
das in einen Geschäftsprozess eingebunden
ist, der vorrangig durch Sachbearbeiter
umgesetzt wird. Dabei handelt
es sich meist um repetitive Aufgaben wie
Datenerfassung, Informationsrecherche
und -auswertung. Das heißt, dass wertvolle
Personalressourcen in Aufgaben
gebunden sind, die nur wenig zur Wertschöpfung
beitragen. Eine tiefergehende
Wertschöpfung könnte beispielsweise dadurch
erzielt werden, dass Sachbearbeiter
punktuell dort eingesetzt werden, wo
Kunden aufgrund komplexer Bedürfnisse
maßgeschneiderte Lösungen benötigen.

Einfache Codierungsregeln genügen nicht

Warum lässt sich ein hoher Automatisierungsgrad,
wie er im produzierenden Gewerbe
schon häufig anzutreffen ist, nicht
einfach auf die Energiewirtschaft übertragen?
Industrielle Prozesse sind durch
einen sehr hohen Standardisierungsgrad
geprägt und lassen sich leicht in regelbasierten
Systemen codieren. Kern von
Dienstleistungsprozessen ist hingegen die
Interaktion zwischen einem Anbieter und
einem Kunden. Diese Interaktion ist durch
vielfältige potenzielle Zustände und Optionen
charakterisiert, sodass einfache Regeln
zur Codierung nicht ausreichen. Die
Interaktion fächert sich vielmehr in zahlreiche
unterschiedliche Geschäftsprozesse
auf. In der Praxis kommt erschwerend
hinzu, dass all diese Geschäftsprozesse
derzeit in getrennten Softwaresystemen
abgebildet werden, zum Beispiel für ERP,
Billing, CRM, EDM, Kalkulation und Marktkommunikation.
Meist hat jede Komponente
ihr eigenes Datenmodell, obwohl
dieselben Geschäftsobjekte für mehrere
dieser Applikationen relevant sind.

Die Beziehungen zwischen den Informationen
sind so komplex, dass eine
datentechnische Integration sowie eine
Auswertung über statische Konnektoren
meist nicht Erfolg versprechend sind und
mit den bisher bekannten Integrationslösungen
auch kaum realisiert werden
können. Aufgrund dieser nur unvollständigen
Integration ist es auch schwer bis
unmöglich, alle für komplexe Geschäftsund
Entscheidungsprozesse relevanten
Daten in einer datentechnischen Instanz
zu bündeln. Eine solche Bündelung zählt
aber zu den Voraussetzungen für das
Automatisieren der Geschäftsprozesse.
Die Arbeit mit solchen IT-Lösungen ist
somit ineffizient, da sie künftigen Herausforderungen
nicht gewachsen sind.

Unabdingbar: Integration der Geschäftsprozesse

Wer im Energiemarkt 4.0 erfolgreich sein
und bleiben will, kommt an einer stärkeren
Integration der Geschäftsprozesse
nicht vorbei. Auf dieser Erkenntnis gründet
das Projekt der IT Vision Technology
(ITVT) GmbH, eine neue informationstechnologische
Plattform auf Cloudbasis
zu entwickeln, die die verschiedenen
separaten Datenbanken innerhalb
der EVU-IT-Architektur durch ein flexibles
Datenmodell vernetzt. Mit ihr können
Anwender im Unternehmen deklarativ
übergeordnete Prozesse modellieren, die
flexibel auf sämtliche betroffene Datenquellen
zugreifen können. Mit diesen
deklarativ erstellten Prozessen lässt sich
der Wertschöpfungsprozess eines Energiedienstleisters
abbilden, teilautomatisieren
und sogar eine begrenzte Selbstlernfunktionalität
realisieren.
Mit der neuen ITVT-Energiemarktlösung
»Stadtwerk365« ist es möglich, regelbasierte
Systeme zu konfigurieren, die
auch komplexe Prozesse, die mehrere
datentechnische Säulen der IT-Architektur
berühren, automatisiert durchzuführen.
Dazu gehören beispielsweise die
Verbrauchsabrechnung und Rechnungslegung
für verschiedene Energieträger,
automatisierte Vorprüfung von Kunden
und Neukunden vor der Angebotskalkulation,
Bonitätsprüfungen, Adressvalidierungen,
Netzlogistik sowie finanzielle
Transaktionsprozesse.

Maximale Automatisierung der Prozesse angestrebt

Ein typischer Anwendungsfall ist, dass
im Fall einer Neukundenabfrage über
das Webportal eine automatisierte Vorprüfung
des Kunden stattfindet. Diese
Prozesse werden auf CRM-Ebene kontrolliert
und dabei Endsysteme wie Preisportale
über Webserviceschnittstellen
angesprochen. Sofern die Anfrage das
System passiert, wird auf der Ebene des
ERP-Systems automatisch ein Objekt angelegt.
Dieses Objekt ist die Basis einer
automatischen Angebotskalkulation, bevor
überhaupt ein Sachbearbeiter aktiv
wird. Viele Fälle – vor allem solche, bei
denen der Energieversorger keine Geschäftsbeziehung
eingehen kann oder
will – kommen damit gar nicht erst auf
die Sachbearbeiterebene.

Erklärtes Ziel ist es, für Standardfälle der
Vertragsanbahnung eine Automatisierungsquote
von 99,9 % zu erreichen. Nur
in 0,1 % der Fälle soll der Eingriff eines Mitarbeiters
erforderlich sein. In vertikaler Hinsicht
ist davon auszugehen, dass ein Sachbearbeiter
erst am Ende der Prozesskette die automatisch vorverarbeiteten Vorgänge nochmals prüft und freigibt.

Stadtwerk365 ist eine cloudbasierte Softwareplattform.
Software-as-a-Service-Lösungen
liegen im Trend, weil sie günstig
und komfortabel nutzbar sind. So muss sich
der Nutzer nicht um Aufgaben wie Systembetrieb,
-pflege und -administration kümmern.
Kunden können die Applikation entweder
in der Microsoft-Cloud, im eigenen
Rechenzentrum oder im Hochsicherheitszentrum
der ITVT-Gruppe hosten. Durch
den All-in-One-Ansatz benötigen die EVU
nicht mehr eine Reihe von IT-Lösungen,
sondern nur noch eine einzige.

Entlastung von Routinen

Die neue End-to-End-Lösung bietet Energieversorgern
zudem den Vorteil, dass
sie ihre Mitarbeiter von den wenig wertschöpfenden
Routineprozessen entlasten
und für kritische und komplexe Fälle einsetzen
können. Dadurch wird es möglich,
einerseits Preisvorteile an Kunden weiterzugeben,
andererseits im Neukundengeschäft
zu wachsen, ohne das Vertriebsteam
vergrößern zu müssen.

Ein besonderes Kennzeichen der neuen
Lösung ist, dass sie die Abbildung und
Unterstützung neuer Geschäftsmodelle
ermöglicht, die im Energiemarkt 4.0 zentrale
Bedeutung erlangen werden. Zur
Unterstützung komplexer Prozesse kommen
beispielsweise virtuelle Assistenten,
Chatbots und künstliche Intelligenz zum
Einsatz. Mit dem Cloudansatz bietet sich
Stadtwerk365 auch als schlanke Lösung
für künftige Kleinstanbieter im Energiemarkt
an. Primär richtet sich die neue
Software heute an drei Zielgruppen:

  • Energielieferanten, die aus anderen
    Branchen stammen und neu in den
    Energiemarkt eingestiegen sind. Anfangs
    haben solche Unternehmen oft
    mit externen Anbietern zusammengearbeitet,
    um bei Aufgaben wie
    Marktkommunikation und Abrechnung
    keine eigene Fertigungstiefe
    aufbauen zu müssen. Erfolgreiche
    neue Anbieter erkennen nun, dass
    sie selbst Know-how und Werkzeuge
    benötigen, um am Markt in einer höheren
    Qualität und mit den notwendigen
    Differenzierungsmerkmalen
    agieren zu können.
  • Stadtwerke und Energieversorger, die
    die Notwendigkeit erkennen, im Zuge
    der Digitalisierung und des zunehmenden
    Wettbewerbs ihre Systeme
    zu konsolidieren und zu erneuern.
  • Große überregionale Energieversorger,
    die neben dem vorhandenen
    Geschäft unter separater Marke zielgruppenspezifische
    Produktlinien aufbauen. Dafür benötigen sie eine
    IT-Lösung, mit der sie ihre Angebote
    schnell an den Markt bringen können.

Profitieren von etablierten Microsoft-Dynamics-Standards

ITVT bietet mehr als 15 Jahre Energiemarkterfahrung,
primär im Bereich CRM-Lösungen
und seit vielen Jahren cloudbasiert.
Dabei wurde eine gute Strecke des Wegs
zur neuen Energiemarktlösung schon zurückgelegt.
Die Prozessabdeckung – zunächst
nur für Vertriebe – wurde in enger
Kooperation mit Kunden erweitert, um
Funktionen wie Abrechnung, Finanzbuchhaltung
in einer End-to-End-Lösung abzudecken.
Der Microsoft-Dynamics-Standard
bringt bereits eine Menge an Funktionalität
mit, die mit ITVT-Entwicklungen verknüpft
wird. Das heißt, Anwender können auf einer
weit verbreiteten Plattform arbeiten, die
sie vielfach schon im Hause haben, und somit
von künftigen Microsoft-Innovationen
profitieren.


Verfasser: Jochen Klipfel & Marc Schütt
Quelle: Artikel in ew – Magazin für die Energiewirtschaft IV/17, S. 26-27